Mein Ausstieg – Margit Ricarda Rolf


Viele Menschen können es nicht fassen, dass ich 15 Jahre dabei war und dass ich ausgestiegen bin.
Mir werden immer wieder dieselben Fragen gestellt.

Daher hier mal eine Zusammenfassung.

Meine Großmutter Erna Hedtke war eine Zeugin Jehovas, mein Großvater nicht. Sie kamen jeweils zu den Kongressen nach Hamburg und schliefen dann bei uns.
Mit 16 fuhr ich nach Berlin und kam bekehrt zurück, sehr zum Ärger meines Vaters. Er forderte mich auf, erst alle anderen Religionen zu prüfen, bevor ich zu dieser Sekte gehe. Das tat ich und so schleppte ich ihm Mormonen, Neuapostolen und schließlich Krishnas ins Haus. Zuletzt war ich überzeugt, dass alles dasselbe ist und versuchte aus der Kirche auszutreten. Das wurde mir verweigert, weil ich erst 16 Jahre alt war.

Mit 24 Jahren trat ich dann doch aus der Kirche aus. Ich bekam Kinder und hatte andere Sorgen als ausgerechnet Religion.

10 Jahre später, wir waren Freizeit-Cowboys, kamen sie wieder an meine Tür. Ich wußte noch aus Erfahrung, dass sie nicht mehr kommen, wenn man ein Abonnemant abschloss. Das tat ich. Was ich nicht wußte: sie hatten inzwischen ihre Strategie geändert und so stand Harald Schütte jeden zweiten Sonntag morgens an meiner Tür, was regelmäßig dazu führte, dass der Haussegen schief hing. Eines Tages war ich so sauer, dass ich sagte: „Es muss doch wohl möglich sein, dass jemand in der Woche vorbei kommt.“ So stand eines Montags Gunda Schütte an meiner Tür, und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.

Am 20.07.1985 ließen mein Mann und ich uns in Neumünster als Zeugen Jehovas taufen.

Die ersten 5 Jahre waren wir eifrig damit beschäftigt gute Zeugen zu sein. Ich war oft Hilfspionierin und mein Mann wurde Allgemeiner Pionier. Wir bekamen noch zwei Kinder, was von vielen Zeugen überhaupt nicht verstanden wurde, so kurz vor Harmagedon. als unsere Tochter 13 Jahre alt war, ließ sie sich taufen. Sie wollte dazu gehören, wurde aber tatsächlich ausgegrenzt. Sie erklärte mir: „Mama, ich empfinde keine Freude.“ Da Freude zu den Früchten des Geistes gehörte, war ich entsetzt und suchte Hilfe bei den Ältesten und bei älteren Schwestern. Niemand verstand es. Mit 17 Jahren lief unser Tochter von Zuhause weg. Sie verließ die Zeugen Jehovas, was bedeutete, dass weder wir noch ihre Geschwister künftig Kontakt zu ihr haben durften, woran ich mich nicht hielt, weil sie noch minderjährig war.

Unser ältester sohn wollte sich mit 17 Jahren taufen lassen, wurde jedoch nicht zur Taufe zugelassen, weil ihm Jürgen Brietzke schlechte Beweggründe unterstellte. Er hatte sich in ein Mädchen verliebt. Sie wurde getauft, er nicht. Das Mädchen lief nach der Taufe von zuhause weg und wir nahmen sie auf. Sofort wurden wir von den Ältesten aufgefordert, dass zu unterlassen, was meinen Mann dazu bewog nun seinen Austritt mit einem Zweizeiler zu erklären. Unsere beiden kleinen Kinder nahmen das zum Anlass lieber zuhause bei Pap zu bleiben und so ging ich noch eine Weile allein zur Versammlung.

Eines Tages, als ich von dort nach Hause kam, saß mein Mann regungslos vor dem PC. Ich fragte: „Was machst du da?“ Und er antwortete: „Stell dir mal vor, es gibt ehemalige Zeugen im Internet.“ – „Na, dann melde dich da doch an,“ antwortete ich. Und er: „Aber das dürfen wir doch nicht.“ – „Hast du einen Knall?“ fragte ich. „Du bist ein ehemaliger Zeuge! Dann melde mich dort an.“ Das tat er.

Über den Kontakt mit Ehemaligen erfuhr ich von dem Buch Der Gewissenkonflikt ich hatte es zur Hälfte durch, da war mir klar, dass ich keinen Tag länger eine Zeugin Jehovas bleiben konnte. Ich begnügte mich allerdings nicht mit einem Zweizeiler wie mein Mann. Dafür war ich zu empört.

2004 begann ich mit der Ausstiegsarbeit.

Es gibt Zeugen Jehovas, die mir Hass oder Rache vorwerfen. Aber das ist es nicht.
Ich habe vier Kinder in der Sekte erzogen und kann das nicht ungeschehen machen. Heute helfe ich Menschen, insbesondere religionsmündigen Jugendlichen, auszusteigen. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, wohl aber Wiederholungen für die Zukunft vermeiden.
Margit Ricarda Rolf
. – Sekten-Ausstieg –

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Über Ricarda

Ich war 15 jahre lang eine Zeugin Jehovas und helfe seit 2004 Zeugen Jehovas beim Ausstieg und der Verarbeitung ihrer Sektenzugehörigkeit. Daneben beantworte ich gern alle Fragen rund um die zeugen jehovas, helfe Menschen, die sich von Zeugen Jehovas belästigt fühlen und solchen Personen, deren Angehörige bei den Zeugen sind oder Gefahr laufen in die Sekte zu geraten.
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5 Kommentare zu Mein Ausstieg – Margit Ricarda Rolf

  1. klapproth ulla sagt:

    hallo ricarda,

    ich habe nach 28 Jahren die Gemeinschaft verlassen, weil ich es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte, einen Gott zu predigen, der alle vernichtet, die nicht auf der „richtigen“ Seite sind… das war 2005… mein Mann und die Kinder sind noch aktiv in der Versammlung und erst 8 Jahre nach meinem schriftlichen Austritt habe ich den „emotionalen“ Austritt geschafft. Auch Dank Barbara Kohouts Buch „Mara im Kokon“
    Auch ich möchte alles überwinden und anderen helfen… einen anderen Weg seh ich nicht, wie ich da „stark“ bleiben kann in meinem Entschluss, ein freier Christ zu sein.
    Gruss Ulla

  2. Ibo sagt:

    Hallo Ricarda,

    und zwar bin ich auf sie über Zeugen-Jehovas – Ausstieg aufmerksam geworden.

    Ich habe ein total großes Problem. Mein Freundin Sona, geht seit einigen Monaten zu dieser „Sekte“. Vor 4 wochen hatt sie sich getrennt von mir weil sie nur im Hause des Herrn Heiraten soll. Sie hatte sich total verändert. Sie hat auch nur noch kontakt mit ZJ. WIll garnichts mehr mit mir zutun haben.

    Brauche drigend hilfe, weil ich viel über ZJ gelesen habe und nichts gutes. Wie kann ich ihr klar machen das sie auf dem falschen weg ist, dass es gefährlich ist. Das einfach Zeugen Jehovas falsch sind !?!?!

    Wäre echt super wenn sie mir hilfen könnten . Bin schon verzweifelt.

    mit freundlichen grüßen

    Ibo

    • Ricarda sagt:

      Hallo Ibo,

      das gelingt fast nie. Du reibst dich auf und trauerst ihr nach. Bisher wurden solche Kämpfe fast immer verloren. Das mussten schon viele einsehen, die in ähnlicher Situation waren. Lass los!

  3. Doris Kunstätter sagt:

    Liebe Ricarda!
    Auch ich war sechs Jahre bei den ZJ und hab gemerkt das vieles was die sagen nicht der Wahrheit entspricht, es wird einem zu viel Angst gemacht wer viele Stunden im Dienst ist, der wird gerettet werden und vieles mehr was ich nicht glauben kann erst heißt es Gott ist gut er liebt uns Menschen und dann vernichtet er uns, weil wir nicht eifrig genug im Dienst ist sowas kann ich nicht glauben.
    Ich hab ein Sohn der mit seiner Fam. sprich Frau und zwei Söhne schon seit zehn Jahren aktiv dabei ist und auch alles frisst was die sagen. Jetzt hat er sich von mir abgewandt.
    Wie kann ich vorgehen damit die ZJ mir nicht laufend anrufen.? Ein ältester will mich besuchen kommen , ich denk der will mich nur weiterhin beschwatzen, gib mir eine Antwort wie ich mich verhalten kann. L.G. Doris

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