Kontroverse über Glaubensgemeinschaft – Weser-Kurier

Jehovas Zeugen wollen mehr Rechte
Von Sara Sundermann
Bremen. Die Zeugen Jehovas haben in Bremen mehr Rechte beantragt. Sie wollen als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt werden. Durch diese Aufwertung wären sie den Kirchen gleichgestellt. Am Mittwoch hat der Rechtsausschuss der Bürgerschaft dazu verschiedene Stimmen gehört – und hat sich mitten in die Kontroverse begeben. Die Kritik an der Glaubensgemeinschaft ist massiv.

Die Stimmung im Saal ist ernst und konzentriert, erst ganz am Schluss kommt es zum Eklat. 30 Experten und fast ebenso viele Gäste sind versammelt. Die meisten Redner sind um Sachlichkeit bemüht, doch die Vorwürfe gegen die Religionsgemeinschaft wiegen schwer: Isolationshaft für Aussteiger, gegenseitige Bespitzelung von Mitgliedern, verweigerte Bluttransfusionen für kranke Kinder, Bildungsfeindlichkeit, Schläge und massive Indoktrination fallen als Stichworte im Ausschuss.

Prinzipiell haben sich die Zeugen Jehovas allerdings bereits vor dem Verfassungsgericht das Recht auf die Aufwertung erstritten. Doch weil Religion Ländersache ist, entscheidet jedes Bundesland zusätzlich selbst über die Anerkennung. Nur wenn die Bürgerschaft fehlende Rechtstreue bei den Zeugen Jehovas erkennen würde und den Antrag ablehnt, wäre die Aufwertung in Bremen noch aufzuhalten. Eigentlich geht es also um Gesetzesverstöße. Doch zugleich steht automatisch die gesamte Glaubensgemeinschaft im Visier.

„Ich war bis zu meinem 37. Lebensjahr bei den Zeugen Jehovas“, erzählt Bernd Galeski vom Netzwerk Sektenausstieg e.V. in Barmstedt. Zwei seiner Brüder machten sich in den Augen der Gemeinschaft der ,Hurerei’ schuldig, weil sie unverheiratet eine Freundin hatten und das nicht bereuten. „Zwanzig Jahre lang habe ich deshalb nicht mit meinen Brüdern gesprochen. Nach meinem Ausstieg habe ich mich als Erstes bei ihnen entschuldigt.“

Was er schildert, ist der Kontaktabbruch mit Gläubigen, die sich nicht an die Regeln halten. „Die Zeugen Jehovas haben eine interne Justiz, und die Höchststrafe ist der Gemeinschaftsentzug“, sagt Galeski. Die soziale Isolation, die ihm zufolge auch Aussteigern droht. Mehrere Experten und frühere Glaubensangehörige im Ausschuss bestätigten diese Praxis, die im Alltag ganze Familien auseinanderreißen kann. Zum Beispiel, wenn der Vater austritt und seine Kinder nicht mehr sehen kann oder von großen Teilen des Familienlebens ausgeschlossen wird. Ein Vorgehen, das als Grundrechtsverstoß gelten könnte.

Bluttransfusionen sind verboten

Doch das ist nicht der einzige umstrittene Aspekt. Kritisiert wird auch die Verweigerung von Bluttransfusionen. Die Zeugen Jehovas lehnen diese ab, weil die Bibel angeblich die Aufnahme von Blut verbietet. Wenn Eltern für Kinder die Transfusion verweigern, bringen sie damit möglicherweise das Leben des Kindes in Gefahr. Und stürzen auch die Ärzte in ein Dilemma.

Das wurde gestern deutlich, als zwei Ärzte von mehreren Fällen in Bremer Krankenhäusern berichteten.„Wir hatten ein Frühgeborenes mit Blutarmut“, erzählt Hans-Iko Huppertz von der Professor Hess-Kinderklinik. „Die Eltern waren Zeugen Jehovas. Mehrere Glaubensgenossen kamen hinzu. Schließlich lehnten die Eltern die Transfusion ab.“ Später seien sie aber noch einmal zu ihm gekommen und hätten von ihrem inneren Konflikt und der Angst vor der Ausstoßung berichtet. Nur durch eine rasche richterliche Verfügung erhielt das Kind schließlich die rettende Transfusion.

Kritisiert wurde außerdem eine fehlende Distanzierung vom Einsatz körperlicher Gewalt in der Kindererziehung. Verschiedene Schriften der Zeugen würden Schläge als Maßnahme empfehlen, bestätigten mehrere Experten und Betroffene.

Die Zeugen Jehovas selbst wurden nur ganz zuletzt und in aller Kürze gehört, was Gajus Glockentin, Vertreter und Justitiar der Wachtturm-Gesellschaft auch scharf kritisierte. Er nannte die Anhörung eine „Inszenierung“ und sagte: „Das Zerrbild, das hier von unserer Religion gezeichnet wird, kann ich nicht wiedererkennen.“ Die Bremer Zeugen Jehovas seien sehr gut integriert und fühlten sich in ihrer Religion wohl. „Wir haben hier 2000 Bürger in Bremen, die erneut mit Schmutz beworfen werden“, so Glockentin. Er kritisierte pauschale Vorwürfe und sprach von haltlosen Beschuldigungen. Den Vorwurf des absoluten Kontaktabbruchs zu Aussteigern allerdings bestritt er nicht, sondern stellte ihn in Beispielen sogar als legitimes Handeln dar.

Bislang haben zwölf Bundesländer der rechtlichen Aufwertung der Zeugen Jehovas zugestimmt. Baden-Würtemberg und Rheinland-Pfalz dagegen urteilten, dass die Gemeinschaft gegen das Grundgesetz verstößt und stimmten dagegen. Jetzt steht nur noch in Bremen und Nordrhein-Westfalen die Entscheidung aus.

http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Vermischtes/324036/Jehovas+Zeugen+wollen+mehr+Rechte.html

Diesen Artikel mit anderen teilen : Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Twitter
  • XING
  • Facebook
  • LinkedIn
  • Google Bookmarks
  • Live-MSN
  • MySpace
  • MisterWong
  • Webnews
  • email
  • Print

Über Ricarda

Ich war 15 jahre lang eine Zeugin Jehovas und helfe seit 2004 Zeugen Jehovas beim Ausstieg und der Verarbeitung ihrer Sektenzugehörigkeit. Daneben beantworte ich gern alle Fragen rund um die zeugen jehovas, helfe Menschen, die sich von Zeugen Jehovas belästigt fühlen und solchen Personen, deren Angehörige bei den Zeugen sind oder Gefahr laufen in die Sekte zu geraten.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Gemeinschaftsentzug, Kindheit, Religionsfreiheit, Sektenausstieg, Zeugen Jehovas abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.